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Archäologen im Tollensetal – Wie der Krieg nach Europa kam

Experiment im Tollensetal

Harm Paulsen staunt selbst, wie die steinzeitlichen Pfeile Fleisch und Knochen durchschlagen. So ein Treffer konnte zu tödlichen Verletzungen führen. Foto: Ralph Schipke

Das Flüsschen Tollense, im Sommer glasklar und von Schilf begrenzt, schlängelt sich durch die sanften Hügel am Rand der Mecklenburgischen Schweiz. Es fließt aus dem Tollensesee bei Neubrandenburg bis in die Peene. 1996 machte der Hobbyarchäologe Ronald Borgwardt einen überraschenden Fund: in der Uferböschung des Flusses entdeckte er einen Oberarmknochen samt Pfeilspitze darin. 2009 begann ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung des Landesarchäologen Detlef Jantzen und des Greifswalder Professors Thomas Terberger, das Gelände systematisch zu untersuchen.

Wie der Krieg nach Europa kam

An der Tollense haben Archäologen das älteste Schlachtfeld nördlich der Alpen entdeckt. Sie vermuten, dass es ein Kampf um die Kontrolle einer Handelsroute war.

Experimentalarchäologie

Mit einem Experiment wollten Wissenschaftler der Uni Greifswald und ihre Unterstützer ausprobieren, wie steinzeitliche Pfeile funktioniert haben. Foto: Ralph Schipke

Der hat gesessen. Habt Ihr das Knirschen gehört?“ frohlockt Harm Paulsen. Dann legt er den Bogen aus der Hand und schaut sich die Stelle an, wo der Pfeil ins Fleisch gedrungen ist. Fachmännisch begutachtet Paulsen, wie die Bronzespitze ein Rippe durchschlagen hat. Der Experimentalarchäologe ist heute eigens aus Schleswig angereist. Mit seiner Hilfe wollen Archäologen versuchen, ein blutiges Geschehen im lieblichen Tal der Tollense aufzuklären.

Das Flüsschen Tollense, im Sommer glasklar und von Schilf begrenzt, schlängelt sich durch die sanften Hügel am Rand der Mecklenburgischen Schweiz. Es fließt aus dem Tollensesee bei Neubrandenburg bis in die Peene. 1996 machte der Hobbyarchäologe Ronald Borgwardt einen überraschenden Fund: in der Uferböschung des Flusses entdeckte er einen Oberarmknochen samt Pfeilspitze darin. 2009 begann ein Team von Wissenschaftlern unter der Leitung des Landesarchäologen Detlef Jantzen und des Greifswalder Professors Thomas Terberger, das Gelände systematisch zu untersuchen.

In diesem Sommer zieht sich ein 60 Meter langer Graben am Ufer des Flusses entlang. Fast schwarz ist die Torferde unter den grünen Wiesen. In gut zwei Metern Tiefe liegen braun verfärbte Knochen: Schädel, Unterkiefer, Oberschenkelknochen, Rippen. „Wir haben Teilkörper gefunden, aber auch viele einzelne Knochen.“ erzählt die Anthropologin Ute Brinker. „Es sieht so aus, als ob die Leichen erst angeschwemmt und dann Teile durch Hochwasser oder Eisgang woandershin transportiert wurden.“ Mehr als 2000 Knochen haben die Ausgräber in nur wenigen Wochen aus der Erde geholt. Und rechts und links des Grabungsschnittes liegen noch viel mehr.

Bisher sind Überreste von wenigstens 130 Menschen zu Tage gekommen. Dieses riesige Puzzle mit mehreren Tausend Teilen versuchen Ute Brinker und ihre Kollegen nun richtig zusammenzusetzen. Zirka 80 Prozent der Knochen gehörten jungen Männern, zwischen 20 und 40 Jahre alt. Sie alle starben ungefähr 1250 v. Chr., wie die C14 – Datierung – eine Methode zur Altersbestimmung organischer Materialien – ergab. An einigen Knochen fanden die Ausgräber Spuren tödlicher Verletzungen. Mehrere Schädel zeigen unverheilte Schlagwunden. Dazwischen liegen immer wieder Pfeilspitzen aus Feuerstein oder Bronze. Möglich, dass sie den Tod brachten. Doch Pfeile hinterlassen wenige und feine Spuren.

Um diese zu verstehen, ist der Experimentalarchäologe Paulsen an die Ausgrabungsstelle gekommen und schießt mit selbstgefertigten Pfeilen auf Schweinehälften. „Hier wurden verschiedene Rippen mit Verletzungen gefunden und wir waren nicht ganz sicher, ob das Einschüsse sind. Deswegen habe ich vorgeschlagen, einen Versuch zu machen: wir schießen auf das Rippenteil eines Schweines. Dort sind die Rippen etwa gleich dick wie beim Menschen. Dann sehen wir uns die Beschädigungen an.“ beschreibt Paulsen die Idee des Experiments. 50 mal legt der geübte Schütze an diesem Tag auf zwei Schweinehälften an. Alle Einschüsse werden dokumentiert. Dann wird das durchlöcherte Schweinefleisch eingepackt. Die Analyse wird vielleicht eine weitere Antwort auf die Frage liefern, was hier vor über 3000 Jahren passierte.

Es muss damals ein grauenerregendes Bild gewesen sein. Hunderte Leichen schwammen im Fluss. Sie blieben in den Mäandern hängen, zerfielen, wurden weitergetrieben. Der Fluss bedeckte sie mit seinen Ablagerungen und nach und nach wurden sie wieder zu Erde. „Wenn wir davon ausgehen, dass in einem kriegerischen Konflikt ungefähr 20 Prozent der Kämpfenden umkommen, dann haben wir es hier mit einer Truppe von mindestens 1000 Mann zu tun. Das kann man nicht mit einer Gruppe von Viehdieben erklären“ überlegt Thomas Terberger. “Hier an der Tollense haben wir zum ersten Mal einen Kampf wie er uns bisher aus der Bronzezeit nicht bekannt ist.“

 

Experimentalarchäologie

Diese nach den im Tollensetal gefundenen Originalen angefertigten Pfeile wurden auf Schweinehälften abgeschossen. Foto: Ralph Schipke

Die Zeit nach 1300 v. Chr. war geprägt von großen Veränderungen in Europa und im Mittelmeergebiet. Kriegerische Auseinandersetzungen waren an der Tagesordnung – auch die Schlacht um Troja tobte zu dieser Zeit. Die religiösen Vorstellungen änderten sich: die Menschen bestatteten ihre Toten nicht mehr unter Grabhügeln, sondern verbrannten sie auf Scheiterhaufen und setzten sie in Urnen bei. Durch die Grabbeigaben wissen wir heute, dass es große Unterschiede zwischen arm und reich gab. Starben deshalb die Männer im Tollensetal?

2011 stieg das Wasser der Tollense nach wochenlangen Regenfällen so stark an, dass der Fluss das gesamte Tal füllte. Für die Archäologen war die Überschwemmung ein Glücksfall. Das Wasser legte neue Funde frei. „Wegen der starken Strömung musste ich mich am Ufer festbinden.“ erinnert sich der Unterwasserarchäologe Joachim Krüger. Bei seinen Tauchgängen entdeckten er und eine Kollegin unter anderem auch zwei Zinnspiralen. Die auf den ersten Blick unscheinbaren Ringe aus 4mm dickem Zinndraht sind für die Wissenschaft von unschätzbarem Wert. „Mit diesen zwei kleinen Rollen konnten unsere Vorfahren mehrere Kilo Altbronze recyceln.“ erklärt Krüger. Zinn war damals ein außerordentlich wichtiger Rohstoff. Es gab nur wenige Abbaustellen in Europa, in England, im Karpatenraum und auf der iberischen Halbinsel, und es fand ein reger Handel damit statt. Von der Tollense gelangt man über die Peene direkt in die Ostsee. Gut möglich, dass der Wasserlauf Teil einer Handelsroute war, die von Nord nach Süd führte. Es gibt noch mehr Indizien, die dafür sprechen, dass im heute einsamen Tal der Tollense vor mehr als 3000 Jahren einiges los war. Auf der Suche nach einem Ausgangspunkt des Kampfes fanden die Ausgräber Reste von Holzpfählen im Fluss. Sie stammen aus der gleichen Zeit wie die Knochen. War dort eine Brücke? Oder ein Flusshafen? Sind die Archäologen hier auf die Spuren einer alten Handelsroute, vielleicht sogar der sagenumwobenen Bernsteinstraße gestoßen?

 

Experimentalarchäologie

Der Archäologietaucher probiert aus, ob die Pfeile schwimmen und wie sie am Grund  des Flusses angekommen sein müssten. Foto: Ralph Schipke

Auszuschließen ist das nicht. Auf jeden Fall denken die Forscher inzwischen, dass ein Teil der Toten aus dem Süden kamen: Analysen der Zähne lassen vermuten, dass sich einige der Menschen von Hirse ernährten. Und die wurde eher im Süden angebaut. Dazu passen die Funde von Nadeln, Messern und Beilen aus Böhmen – einem Gebiet rund 500km südlich der Fundstelle. War es also eine Gruppe von Menschen aus dem Süden, Handeltreibende vielleicht, die hier überfallen wurden? Thomas Terberger hat eine andere Idee: „Ich denke, dass es in der Nähe des Fundplatzes eine wichtige Siedlung gab, deren Bewohner Einfluss in dieser Region hatten.“ Es könnte also sein, dass hier an der Tollense um die Kontrolle eines damals bedeutenden Handelsweges gekämpft wurde. Der Krieg um Handelsrouten war wahrscheinlich schon für unsere Vorfahren ein Weg zu Macht und Reichtum. Was genau geschah, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Doch mit dem Geräusch im Ohr, wie ein Bronzepfeil eine Rippe trifft, werden die Phantasien lebendiger.

Tollenstal

Knochen von Menschen und Tieren, Waffen und Schmuck fanden die Forscher an und in der malerischen Tollense. Ereignete sich hier in der Bronzezeit eine Schlacht oder ein Überfall auf reisende Kaufleute? Foto: Ralph Schipke

 Ulrike Biehounek, Michaelisstraße 9, 04105 Leipzig, ubiehounek@gmx.de, 0049 – 160 – 5940835

 

 

 

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